Bilder 2004

  • 2004 »
  • Open Space - Schüler voll versammlt am Erasmus-Gymnasium am 03. und 04.06.2004

In Rostock

„Eine ganz wertvolle Sache“
970 Schüler beim Open Space in Rostock

Rostock an einem frühen Junimorgen 2004. Die Schülerinnen und Schüler des Erasmus-Gymnasiums Rostock schlendern langsam auf ihren Schulhof. Wirkliche Eile ist nicht angesagt – statt Mathe, Geographie oder Englisch steht heute etwas ganz anderes auf dem Stundenplan: Open Space, jene Beteiligungsmethode, bei der die Teilnehmer selbst Themen und Probleme auswählen und diese ganz unabhängig von starren Zeitstrukturen oder methodischen Zwängen bearbeiten. „Das ganze lässt sich wohl am besten als organisiertes Chaos beschreiben“, schmunzelt Uta Klotz, die Sozialarbeiterin der Schule. Scheinbar orientierungslos wuseln fast 1000 Schüler in den Fluren umher und doch hat das Durcheinander System. Draußen an der Schulhauswand ist die Zeit- und Raumtafel aufgebaut. Auf die vielen bunten Zettel haben die Schüler ihr persönliches Anliegen geschrieben und laden ihre Mitschüler ein, in Workshops darüber zu diskutieren. „Integration von körperlich Behinderten“, „Nikotinfreie Schule“ oder „Neugestaltung des Schulhofs“ steht da beispielsweise. Aber auch (Zwischen)Menschliches kommt nicht zu kurz: Was Liebe und Freiheit ist, fragen sich die Jugendlichen und auch, wie sie schlecht gelaunten Lehrern gegenüber treten. Mitmachen kann jeder, der Interesse hat, im Workshop bleiben, so lange er will. Danach geht es weiter zum nächsten Workshop oder zum Buffet, wo man sich mit Wassermelone und Kuchen stärken kann.

Ohne Eigeninitiative geht es nicht Ulrike Gisbier ist Moderatorin für Jugendbeteiligung beim Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern. In Rostock moderiert sie zusammen mit drei Kollegen das Open Space und hat Respekt vor der großen Teilnehmerzahl: „So ein großes Open Space hat es hier wirklich noch nicht gegeben. Wir betreten aufregendes Neuland im Bereich der Jugendbeteiligung!“ Bedenken, dass es schief gehen könnte, hat sie keine: „Entscheidend für den Erfolg ist die Eigeninitiative der Teilnehmenden. Ich brenne für ein Thema, ich will dieses Projekt verwirklichen und ich übernehme auch Verantwortung dafür, wie es läuft – diese Idee wollen wir den jungen Leuten vermitteln und sie zu eigenverantwortlichem Handeln motivieren.“
Eike-Christian und seine Freunde sind schon Feuer und Flamme. Die Sechstklässler wollen endlich richtig Fußball in der Schule spielen können. „Es ist zwar erlaubt auf dem Schulhof zu kicken, aber die Lehrer meckern trotzdem. Deswegen wollen wir jetzt unseren alten Sportplatz wieder auf Vordermann bringen“, erzählt der 12jährige. Die Idee schlägt ein wie eine Bombe. Flugs wird ein Unterschriftenplakat gestaltet, Baseballkappen kreisen, um schon mal ein bisschen Kleingeld einzunehmen. Am Ende haben die Youngsters 12,41 Euro Spendengelder zusammen, natürlich ein Klacks im Vergleich zu den realen Kosten. Doch die Motivation ist ungebrochen und ohnehin haben sie längst erkannt, wie man ans Ziel kommt: „Wir müssen unsere Beziehungen spielen lassen!“ In den anderen Workshops gründet sich derweil eine Politik-AG, wird ein Schulmaskottchen entworfen und darüber diskutiert, ob mann im Musikunterricht nicht lieber rappen, statt singen dürfe.

Die Ergebnisse nicht aus den Augen verlieren

„Diese zwei Tage sind eine ganz wertvolle Sache für unsere Schule“, ist sich Schulleiterin Dr. Angela Schulz sicher. „Selbst neue Ideen für den Schulalltag zu entwickeln schafft nicht nur eine großartige Identifikation mit der Schule, sondern beflügelt auch zur Weiterarbeit.“ Ihr Kollege Bert Schröder ist weniger optimistisch: „Es sind doch immer die selben wirklich aktiv.“ Die Ergebnisse werden zunächst vom Schülerrat und der Schulprofilierungsgruppe aufgenommen und weiterverfolgt, „spätestens mit Beginn des nächsten Schuljahres“.

Stolze 135 Workshops führten die Schüler während der zwei Tage in Eigenregie durch. Schüler unterschiedlichster Klassenstufen diskutierten und planten, stritten und lachten zusammen. Herausgekommen ist ein 150 Seiten starker Ideenkatalog. Kein Wunder, dass so manch ein Schüler zum Schluss augenzwinkernd forderte: „Mindestens ein lehrerfreier Unterrichtstag pro Woche – Wir kriegen das hier ja auch selbst hin!“
[lb]

Alle Bildrechte liegen beim Fotografen/Jugendmedienverband MV e.V.